Ist das Vergeben von Unrecht wirklich notwendig?

In meiner Arbeit mit Menschen komme ich oft zu dieser Fragestellung, sodass ich hier gerne meine Gedanken dazu erläutern möchte ....

Wir alle sind in unserem Leben Opfer von Unrecht irgendwelcher Art geworden, von einfachen Missverständnissen bis hin zu schwerem Missbrauch und Überfällen oder Verletzungen. Der Zorn, die Ohnmacht, die Rachewut und viele andere Emotionen begleiten automatisch die Opfer-Rolle, in die wir da gebracht wurden. Es gibt Menschen, die von sich behaupten können, sie wären "schnell darüber hinweggekommen", andere hadern ihr Leben lang mit gewissen Schicksalsschlägen und sagen, sie können ihren Peinigern nur sehr schwer oder vielleicht nie verzeihen!

Schauen wir uns mal auf der energetischen Ebenen an, was passiert, wenn ein Mensch Ressentiments gegenüber einer anderen Person in sich trägt. Die Wut, der Ärger, der Groll sind auf die bestimmte, vergangene Situation bezogene Emotionen, die vielleicht nie wieder direkt an ihren Adressaten, den Täter ausgelassen werden können. Man trennt sich, sieht sich vielleicht nie wieder, wechselt Wohnort, aber der Groll bleibt im Bauch. Diese Emotionen trägt man unweigerlich dann in seinem Inneren -vielleicht sogar jahrzehntelang- mit sich herum.

Äusserlich vergisst man zwar, verdrängt vielleicht auch, aber in unserem Energiefeld sind unaufgelöste Emotionen, die sich an die Vorstellung heften, in einer bestimmten Situation Opfer geworden zu sein, fest gespeichert. Aber nicht für ewig!

In der weiten, bunten spirituellen und esoterischen Szene gibt es eine Kultur, die besagt, dass nur Vergeben und Verzeihen die erhoffte Erlösung verspricht. Doch ist das tatsächlich so? Eine halbherzig ausgesprochene Entschuldigung für den einstigen "Täter" ändert streng genommen genau gar nichts, ausser dass man sich vielleicht moralisch besser fühlt. Es bleibt dennoch bei der Spaltung in ein "Opfer" und einen "Täter". Nur dass man sich nun aus der vermeintlich und einst "schwachen Position" moralisch erhebt und den Täter quasi richterlich freispricht und hofft, dass dieser Vorgang einen von den emotionalen Lasten befreien könnte.

Menschen, die vielleicht Einblick in die Situation oder Geschichte ihres "Täters" haben, werden oft erkennen, dass Täter selbst oft Opfer waren. Dass in ihre Elternhaus Dinge passierten, die sie nun später wiederholten. Da kann es durchaus gut gelingen, zu erkennen, dass dieser Mensch es vielleicht nicht anders konnte, es nie anders kennengelernt hatte, als beispielsweise gegenüber anderen gewalttätig zu sein. Selbst wenn man dann aus ganzem Herzen und aus dem Mitgefühl heraus eine Vergebung ausspricht, könnte es sein, dass dieses Ritual dennoch nicht die ganze Befreiung bringt. Genau genommen, befindet man sich da nämlich immer noch in der vorher angesprochenen Täter-Opfer-Kollusion!

Du wirst dich vielleicht fragen, wie du nun ganz aus der Nummer rauskommen könntest...

Dabei kann eine weitere Verständnisebene helfen, die bisher nicht angesprochen wurde. Was, wenn das Unrecht, die Tat, der Überfall, oder was auch immer dein Leben belastet oder erschwert hat, nicht umsonst in den Leben gekommen ist? Genausowenig wie dein Peiniger, dein Täter, vielleicht sind es bei dir die Eltern, ein Ex-Partner, ein Vorgesetzter...

Dadurch, dass unser Gedächtnis nur unsere jetzige Lebensspanne umfasst, kannst du nicht automatisch wissen, ob es nicht auch du mit dem anderen zusammen warst, die den Lebensplan für dein und sein/ihr jetziges Leben designt habt?! Wo wichtige Stationen, wie Unglücksfälle, Unfälle, ein schwieriges Elternhaus oder mühsame Beziehungen, nicht eingeplant sind, damit du in eine Situation kommst, wo du herausgefordert wirst! Wo Schmerz und Leid dich aufwecken sollten, etwas zu erkennen, was deiner Seelenentwicklung dienlich sein kann! Was dich erinnern soll, wer du bist und was du vermagst!

Höre dir dazu die wunderbare Parabel von der kleinen Seele an, da geht es genau um dies:

Wenn dir bewusst wird, dass keine Situation, und sei sie noch so hässlich, im Einvernehmen mit deiner Seele in dein Leben kommt, dann gelangst du auf eine neue Stufe der Erkenntnis: dann begreifst du, dass IMMER alles dafür da ist, dass du lernen und dich erweitern kannst. Dass jede Krise eine CHANCE für Wachstum ist und du NIE mehr bekommst, als was du imstande bist, zu ertragen. Dass ALLE Menschen in deinem Leben dafür da sind, dir entweder Freude zu bringen, oder dich anzustoßen, weitere Qualitäten in dir zu entdecken!

Dann gibt es aus dieser Sicht auch nie einen "Bösen", einen "Täter", dem du vergeben müsstest, denn alle Begegnungen und Situationen, egal ob freud- oder leidvoll, sind für dich genauso gedacht.

Diese Ebene muss nicht sofort bewusst werden! - wir dürfen oder sollen vielleicht auch zunächst menschlich reagieren und unseren Gefühlen und Emotionen freien Lauf lassen. Weinen, hadern, uns schlecht und ohnmächtig fühlen. Doch würden wir da steckenbleiben, kämen wir nicht wirklich weiter. Wenn du jedoch ab nun diese Perspektive im Hinterkopf behältst, könnten schwierige Situationen von nun an aus höherer Ebene einen anderen, weiter gesteckten Blick ergeben und das "große Bild", die ganzheitliche Sicht, wäre für dich leichter zu sehen!

Alles unterliegt dem Prinzip von Ursache und Wirkung, so besagt es eines der Naturgesetze. Wir Menschen sind gemeinschaftlich dafür da, um miteinander zu lernen, wer wir im Kern wirklich sind und was uns ausmacht. Schmerzhafte Ursachen sind sollen uns über ihre nachfolgende Wirkung in eine Lernbereitschaft versetzen, damit wir in unserer Seelenentwicklung wieder ein Stück mehr Bewusstheit über uns und unsere wahre Heimat erlangen können.


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